Das Maroteaux-Lamy-Syndrom kann in schwerer und leichter Verlaufsform auftreten.
Die Skelettveränderungen im Sinne der Dysostosis multiplex treten individuell
sehr variabel auf. Die schwere Form der MPS Typ VI erinnert an das klinische
Bild des Morbus Hurler, bei der leichteren Form treten diese Symptome später
und in nicht so starker Ausprägung auf. Die mentale Entwicklung der
Betroffenen ist normal. Bereits in der ersten Lebensdekade kommt es zur
Verformung der Wirbelsäule, zu Gelenkkontrakturen, Hernienbildung,
häufigen Infektionen, insbesondere der Atemwege und einer Einschränkung
der Lungenfunktion. Das Wachstum der Kinder stagniert, so dass sie kleinwüchsig.
Bei der Physiotherapie ist zu beachten, dass die MPS VI Patienten von Seiten
des Herz-Lungen-Systems stark eingeschränkt sein können.
MPS VI-Patienten können Berufe ausüben, die ihren körperlichen und geistigen Fähigkeiten entsprechen. Körperliche Einschränkungen werden bei der schweren Verlaufsform durch den Kleinwuchs und die Skelettveränderungen verursacht. Oft sind die Betroffenen im Erwachsenenalter auf einen Rollstuhl angewiesen.
ATMUNGSORGANE
Atemprobleme kommen hauptsächlich bei Kindern mit einer schwereren
Form von MPS Typ VI vor. Durch die Verdickung der Schleimhäute im Rachen
und durch die Verengung der Luftröhre, verursacht durch Einlagerungen
von Speichermaterial, kommt es zur Einengung der Luftwege.
Der Brustkorb ist durch eine veränderte Rippenstellung in seiner Beweglichkeit
eingeschränkt, die Lungenkapazität daher geringer als bei gesunden
Menschen. Der Brustkorb besteht aus dem Brustbein, das über die Rippenpaare
mit der
Wirbelsäule verbunden ist. Die Rippen sind bei Patienten mit MPS VI
ruderplattförmig aufgetrieben und hierdurch in ihrer gelenkigen Verbindung
zum Brustbein und der Wirbelsäule eingeschränkt, beziehungsweise
fixiert. Hierdurch ist eine optimale Ausdehnung des Brustkorbes während
der Atmung nicht möglich.
Diese Faktoren führen zu einer vermehrten Schleimansammlung, einer
geringeren Leistungsfähigkeit und einem hohen Infektrisiko.
Physiotherapie
Um Infekten vorzubeugen und sie zu bekämpfen, ist häufig eine
regelmäßige Inhalationstherapie erforderlich.
Um die Belüftung der Atmungsorgane zu verbessern, eignen sich verschiedene
Spiele mit Seifenblasen, Watte, Trinkhalmen, Papierschlangen, Tuten u.ä.,
auch Bewegungsspiele mit Bällen und Luftballons sind möglich.
Dehnungsübungen erhöhen ebenfalls das Atemvolumen. Mit größeren
Kindern und der Unterstützung ihrer Eltern kann mit dem Therapeuten
ein Dehnungsprogramm für zu Hause erarbeitet werden.
Bei allen aktiven Therapien sollte auf eine effiziente Ein- und Ausatmung
und bei Belastung auf ausreichende Pausen in atmungserleichtender Stellung
geachtet werden.
Passive Thoraxbehandlungen kommen bei akuten Infekten und zunehmend inaktiven
Patienten zum Einsatz. Einfache Techniken dieser Sekretmobilisation können
von den Eltern oder Angehörigen erlernt werden. Dadurch ist jederzeit
eine effektive Schleimlösung möglich.
Auch wenn die Kinder sehr unruhig sind, lassen sich verschiedene Techniken
wie Vibrationen, Schüttelungen, Klopfungen und Ausstreichungen durchführen.
WIRBELSÄULE / RUMPF
Die Wirbelkörper bei MPS Typ VI sind unregelmäßig konfiguriert.
Rumpf und Hals wirken kurz und gedrungen. Bindegewebe und Rückenmarkshäute
können von Einlagerungen betroffen sein. Durch die Fehlentwicklung
der Wirbelkörper kann es im Bereich der Hals- und Lendenwirbelsäule
zur Instabilität mit Einengung des Rückenmarkskanals kommen. Anzeichen
sind Inkontinenz, Kribbeln, Taubheitsgefühle, Bewegungsausfälle
oder Schmerzen in Armen und/oder Beinen. Treten solche Symptome auf, sollte
umgehend ein Arzt konsultiert werden. Operative Maßnahmen zur Stabilisierung
und Entlastung des Rückenmarks und der Nervenwurzeln können notwendig
werden.
Charakteristisch für die Lendenwirbelsäule ist eine verstärkte
Lordose. Am Übergang von der Brust- zur Lendenwirbelsäule kann
sich wie bei der Hurler-Erkrankung ein Gibbus bilden. Durch die Vergrößerung
der Bauchorgane und eine schlaffe Bauchdecke tritt der Bauch hervor. Das
Brustbein wirkt oft eingezogen, man spricht von einer Trichterbrust.
Physiotherapie
Eine frühzeitige intensive Bewegungstherapie zur Verbesserung der Stabilität
und Beweglichkeit der Wirbelsäule, einschließlich Schulter- und
Beckengürtel sowie zur Kräftigung der Bauch- und Rückenmuskulatur
ist erforderlich. Um der Hyperlordose der Lendenwirbelsäule entgegen
zu wirken, müssen beide Muskelgruppen gekräftigt und ihr Zusammenspiel
harmonisiert werden. Dabei ist in der Therapie zu beachten, dass insbesondere
die Lendenwirbelsäule eine Funktionseinheit mit den Hüftgelenken
darstellt.
Auf Grund der normalen geistigen Entwicklung kann die Therapie vielseitig
gestaltet werden, muss aber dem jeweiligen Gesundheitszustand und Leistungsvermögen
angepasst sein. Weder eine Unterforderung noch eine Überlastung ist
sinnvoll. Treten Schmerzen auf, sind diese sofort abzuklären und die
Therapie entsprechend anzupassen.
Inhalte der Bewegungstherapie für die Wirbelsäule und den Rumpf:
Bei meist älteren Patienten mit Schmerzen im Wirbelsäulen- und Rumpfbereich gewinnt die Bewegungstherapie im Wasser immer mehr an Bedeutung. Auch Entspannungsmaßnahmen wie Wärmepackungen, Massagen oder Unterwassermassagen sorgen für Linderung.
EXTREMITÄTEN
Bei Maroteaux-Lamy-Patienten treten Beugekontrakturen vor allem in den großen
Gelenken, d. h. Schultern, Hüften, Ellenbogen und Knien auf.
SCHULTERN / ARME / HÄNDE
Das Schultergelenk ist ein hauptsächlich Weichteil- und weniger knöchern
geführtes Gelenk. Durch Verkürzungen der Sehnen und Bänder
kommt es zu Funktionseinsschränkungen. Die Arme können daher nicht
oder nur schwer über den Kopf gehoben werden. Diese Verkürzungen
im Schulter- und Ellenbogenbereich verursachen meist keine Schmerzen, müssen
aber bei der Therapie mitbehandelt werden, um weitere Bewegungsdefizite
und Auswirkungen auf die Haltung und das Gangbild zu verhindern. Die Hände
zeigen eine progrediente Klauen- oder Krallenstellung, die insbesondere
durch eine Streckhemmung der Endgelenke verursacht wird. Zudem besteht eine
deutliche und häufig rasch zunehmende Steifigkeit aller Fingergelenke,
sowie des Handgelenkes, welches zu massiven Einschränkungen der Feinmotorik
führt. Sollten Beuge- oder Streckdefizite in den Händen auftreten,
ist eine Hand- und Fingergymnastik notwendig. Auf Grund der umfangreichen
Physiotherapie für den gesamtem Bewegungsapparat, bleibt für die
Hände oft zu wenig Zeit, so dass nach Möglichkeit die Eltern oder
der Patient selbst ein Übungsprogramm zu Hause absolvieren sollte.
Diese wird gemeinsam mit dem Therapeuten erarbeitet. Fingerübungen
und -spiele tolerieren die Patienten sehr gut, bei passiven Streck- und
Beugeübungen treten häufiger Beschwerden auf. Daher ist es sinnvoll,
vor der Gymnastik eine Wärmeanwendung durchzuführen, was nicht
nur die Beschwerden lindert, sondern auch die Behandlung intensiviert. Wärmeanwendungen
können Handbäder, Dinkel- oder Moorkissen und andere im Handel
erhältliche Packungen sein.
Bei auftretenden Schmerzen sollten der Arzt und der Therapeut konsultiert
werden. Auch das Karpaltunnelsyndrom (siehe Anhang "Medizinische Erklärungen")
kann bei Maroteaux-Lamy-Patienten beobachtet werden. Die Diagnose sollte
durch einen Orthopäden abgeklärt werden.
HÜFTE / KNIE / FÜSSE
Hüfte
Zu den körperlichen Veränderungen, die das Bewegungsausmaß
der MPS Typ VI-Patienten mit zunehmendem Alter besonders einschränken
können, gehören die Fehlentwicklungen und frühzeitigen Verschleißerscheinungen
im Bereich der Hüftgelenke.
Die Hüfte ist anatomisch ein Kugelgelenk. Der Hüftkopf ist bei
diesen Patienten oft deformiert, entrundet und steht nicht in seiner physiologischen
Stellung zur Hüftpfanne. Die Hüftpfanne ist oft ebenfalls entrundet,
steil- oder flachgestellt und schränkt damit die Funktion häufig
weiter ein. Hierdurch verändert sich die Beinstellung, was eine Fehlbelastung
der Knie und Füße zur Folge hat. Dies ist einer der Hauptgründe
für das typische schleppende und unharmonische Gangbild. Im Kindesalter
machen die Hüftgelenke nur selten Beschwerden, auch wenn radiologisch
häufig schon Veränderungen zu sehen sind. Bei Patienten im Erwachsenenalter
treten häufiger Schmerzen durch den frühzeitigen Verschleiß,
die meist komplett zerstörten Hüftköpfe sowie Reizzustände
durch die Fehlbelastung auf.
Je nach Ausmaß der Destruktion und Alter des Patienten können
operative Maßnahmen notwendig werden. Diese erstrecken sich von Weichteileingriffen,
wie Sehnenverlängerungen, über knöcherne Korrekturen an Becken
und Oberschenkel zur Verbesserung der Stellung von Hüftkopf- und Pfanne
zueinander bis zur Implantation einer Hüft-Total-Endoprothese nach
Wachstumsabschluss. Solche Eingriffe gehören unbedingt in ein Zentrum,
welches Erfahrung mit Operationen bei MPS aufweisen kann.
Knie
Die Knie verändern sich teilweise durch Einlagerungen von Speichersubstanzen
in Knochen und Bänder sowie durch die Fehlstellung der Hüften.
Es treten Scherkräfte auf, die eine unharmonische Belastung in diesem
Scharniergelenk bewirken. Daher finden auch hier mit zunehmendem Alter schmerzhafte
Verschleißprozesse statt.
Physiotherapie
Zur Erhaltung und Verbesserung der Gelenkbeweglichkeit werden aktive und
passive Mobilisationstechniken durchgeführt. Der Anteil der aktiven
bzw. der passiven Techniken richtet sich nach dem körperlichen Zustand,
nach der Belastbarkeit und den jeweiligen Beschwerden des Patienten. Sanfte
Dehntechniken und gelenkschonende Muskelarbeit erhalten die Beweglichkeit
und Muskelkraft des Becken- und Oberschenkelbereiches. Durch eine Gangschule
sollte das bestmögliche Gangbild und eine optimale Haltung erarbeitet
werden.
Auch mit körperlich eingeschränkten Patienten, bei denen Veränderungen
in der Wirbelsäule oder in den Gelenken keinen aufrechten gleichseitigen
Gang zulassen, kann man, besonders unter Zuhilfenahme von Gehhilfen, das
Gangbild verbessern und schulen.
Achtung! Stauchende Sprünge sollten vermieden
werden.
Kleine Sprünge beim Laufen im Gelände und von einem Bein auf das
andere sind erlaubt. Sprünge, die nur auf beiden Beinen gelandet werden
können, sind ohne Hilfe nicht erlaubt, da größere Weiten
und Höhen nur durch Landung auf beiden Beinen überwunden werden
können, was staucht. Dies sollte von Eltern unbedingt der Schule, z.B.
wegen des Sportunterrichts, mitgeteilt werden.
Hat der Patient durch die Fehlbelastung bereits Schmerzen, sollten Therapien zur Schmerzlinderung durchgeführt werden. Diese können sein: Elektrotherapie, Manuelle Therapie, Unterwassermassagen, Therapie im Schlingentisch oder Fangopackungen. Auch die Therapie im Bewegungsbad kann die Schmerzen lindern und die Beweglichkeit erhöhen.
Füße
Die Füße sind ähnlich wie die Hände bei Maroteaux-Lamy-Patienten
verändert, meist aber nicht so schwer von Funktionseinschränkungen
betroffen.
Sollten Bewegungsdefizite vor allem mit zunehmendem Alter auftreten, kann
die Beweglichkeit der Fuß- und Zehengelenke durch eine Fußgymnastik
gefördert werden. Viele dieser Übungen lassen sich zu Hause durchführen
und in den Alltag (teilweise spielerisch) integrieren. Veränderungen
der Füße nehmen oft Einfluss auf die Laufleistung und sollten
daher ernst genommen werden.
Zur Entlastung der Füße gehört unbedingt ein gut angepasstes
Schuhwerk, ggf. auch orthopädische Schuhe, Einlagen und Orthesen.
Sollten Beschwerden nach langen Belastungsphasen auftreten, tragen Fußbäder
und Fußmassagen zur Linderung bei. Beschwerden werden oft auch durch
Pilzbefall der Füße und/oder Zehnägel verstärkt. Regelmäßige
Fußpflege, einschließlich Fußbäder über 15 Minuten
und gegebenenfalls eine Salbenbehandlung verschaffen Linderung. Bei der
Wahl der Medikamente hilft der Arzt oder Apotheker.
Ein häufiges Problem bei MPS Typ VI- Patienten ist die Verkürzung vieler Muskelgruppen, der Sehnen, Kapseln und Bänder der unteren Extremität. Durch die Unausgeglichenheit zwischen streckenden und beugenden Strukturen bleiben sowohl beim Stehen wie beim Gehen die Hüften und Knie gebeugt. Durch die verkürzte Achillessehne ist ein optimales Abrollen des Fußes nicht möglich. Um die Haltung und das Gangbild zu verbessern, ist es notwendig, die Muskulatur und Weichteile mittels verschiedener Dehntechniken zu verlängern und zu entspannen. Ein Dehnungsprogramm für zu Hause, welches in Eigenregie durchgeführt werden kann oder Zugvorrichtungen, die die Eltern lernen anzulegen, sind sehr sinnvoll und verschaffen den Gelenken langfristige Entlastung.
Besonderheit: HALSWIRBELSÄULE
Durch die strukturelle Fehlbildung der Halswirbelkörper besteht die Gefahr einer Quetschung des Rückenmarkes (funktionelle oder anatomische spinale Stenose) und somit von Sensibilitätsstörungen oder sogar einer Querschnittslähmung. Bei einigen TypVI-Erkrankten wird dieser Teil der Wirbelsäule mittels eines operativen Eingriffs stabilisiert.
In der Therapie sollte der Patient seinen Kopf stets kontrolliert halten können. Übermäßiges Beugen und Überstrecken des Kopfes ist verboten. Überkopfrollen und stauchende Sprünge gehören nicht in die Therapie.