Die Mukopolysaccharidose Typ III fällt im Verhältnis zu anderen
Mukopolysaccharidosen klinisch weniger durch die körperlichen Beschwerden
als durch die frühen neurologischen Symptome auf.
Bei zunehmender Schwere der Krankheit kommt es neben den Rückschritten
in der motorischen und kognitiven Entwicklung häufig zu primären
oder sekundären Veränderungen des Bewegungsapparates, wie z.B.
Beugekontrakturen in den großen und kleinen Gelenke oder Reifungsstörungen
der Hüftgelenke. Dies führt zur Veränderung des Gangbildes
und eingeschränkter Belastbarkeit beim Stehen und Gehen. Häufig
ist eine Spitzfußstellung zu beobachten.
PHASE 1
In der ersten Phase der Erkrankung, im Kleinkindalter, zeigen die Patienten
oft ein hyperaktives Verhalten und eine Anfälligkeit für Infektionen.
Erste Entwicklungsverzögerungen und Rückschritte in der geistigen
und motorischen Entwicklung treten auf.
Physiotherapie
In Form von Sporttherapie und/oder Ergotherapie wird die Konzentrationsfähigkeit
des Kindes geschult. Des weiteren werden hierdurch die koordinativen Fähigkeiten
gefördert und Bewegungsabläufe durch Wiederholungen erlernt. Zusätzlich
sollte das Kind nach Möglichkeit in eine Sportgruppe für Kleinkinder
integriert werden. In dieser ersten Phase der Erkrankung ist es in der Lage,
geistige und motorische Fortschritte zu erarbeiten. Dabei ist die Motivation
durch andere Kinder nicht zu ersetzen.
Um das Kind vielseitig zu fördern, ist es empfehlenswert, es mit den
Verhältnissen im Wasser vertraut zu machen. Fähigkeiten, die in
diesem Anfangsstadium der Erkrankung erlernt werden, können noch lange
Zeit erhalten bleiben. Mit zunehmenden Alter wird es dem Kind wesentlich
schwerer fallen, auf eine neue Umgebung zu reagieren, neue Bewegungsabläufe
zu erlernen bzw. Reaktionen zu schulen.
Auch die Hippotherapie (Reittherapie) kann in dieser Phase der Erkrankung
eine sinnvolle Ergänzung sein. Sie bekommt jedoch eine stärkere
Bedeutung, wenn sich der Bewegungsradius und die geistige Aufnahmefähigkeit
des Kindes verschlechtern.
Um die Funktion der Atemwege zu verbessern und somit die Infektanfälligkeit
einzudämmen, sollten in die Therapie Übungen zur Vertiefung der
Atmung mit einfließen, z.B. Seifenblasen, Papierschlangen oder Watte
pusten, mit einem Trinkhalm ins Wasser blubbern und singen. Auch Bewegungsspiele
für den Brustkorb wie nach „Äpfeln“ greifen, auf einer
Bank ziehen, Trampolinspringen, Ball- und Luftballonspiele eignen sich.
Bei akuten Infekten der Atemwege dienen Thoraxbehandlungen der Sekretmobilisation,
Auch wenn die Kinder sehr unruhig sind, lassen sich verschiedene Techniken
wie Vibrationen, Schüttelungen, Klopfungen und Ausstreichungen durchführen.
PHASE 2
In der zweiten Phase der Erkrankung verstärken sich die Verhaltensauffälligkeiten
und die erlernten motorischen Fähigkeiten gehen teilweise wieder verloren.
Die sprachliche Kommunikation verschlechtert sich. Bei manchen Kindern kommt
es bereits in dieser Phase zu Schlafstörungen.
Häufig verändern sich durch die nervale Schädigung die motorischen
Steuerungsmechanismen, was z. B. zu einem veränderten Gangbild führt.
Durch die Speicherung in Knochen, Bändern und Weichteilen kommt es
zu Gelenkproblemen und Fehlstellungen der Füße und Hüften.
Aber auch andere Gelenke können betroffen sein. Häufig treten
Bewegungseinschränkungen in Knie- und Ellenbogengelenken auf. Bei manchen
Patienten bleibt die passive Beweglichkeit uneingeschränkt erhalten,
die motorischen Fähigkeiten lassen jedoch nach.
Physiotherapie
In dieser Phase gewinnen neben den aktiven Bewegungstherapien auch passive
Techniken an Bedeutung.
Die aktive Bewegungstherapie umfasst zum einen das Erhalten von Bewegungsmustern,
Reflexen und Reaktionen mit Hilfe des Bobath-Konzeptes und zum anderen die
Schulung der koordinativen Fähigkeiten.
Hierbei besteht durchaus die Möglichkeit, bereits abnehmende oder verlorene
Fertigkeiten noch einmal zu erlernen (z.B. kann ein Kind, welches durch
einen Infekt oder eine Verletzung längere Zeit bettlägerig war
und an Rumpfstabilität verloren hat, durch Krankengymnastik (BOBATH)
die aufrechte Haltung und Bewegungsabläufe zum Aufrichten, Sitzen und
Laufen wieder erlernen).
Im Bewegungsbad können zudem die Ausdauerfähigkeiten des Kindes
und das Balancegefühl verbessert werden. Der Körper wiegt dann
nur noch 10% seines ursprünglichen Gewichts, so dass Bewegungen leichter
fallen und meist schmerzfrei sind. Die Aktivität des Kindes wird optimal
angeregt. Im Wasser zeigen die Kinder das höchste Maß an selbständiger
Bewegung!
Kommt es zu ersten Immobilitätserscheinungen, sollten auch passive
Techniken in die Therapie mit einfließen. Diese sind zum Teil abhängig
von der Toleranzbereitschaft des Kindes und vom Grad und der Ursache der
Bewegungseinschränkung.
Die passive Mobilisationstherapie setzt sich zusammen aus einer Wärmeanwendung
und einer anschließenden Krankengymnastik, bei der der Patient ruhig
gelagert wird und der Therapeut am Patienten arbeitet. Als Vorwärme
eignet sich als effektivste Maßnahme die Unterwasserdruckstrahlmassage
(UWM). Hierbei wird neben der vegetativ-psychischen Entspannung der Gewebsstoffwechsel
gefördert, verspannte Muskulatur detonisiert und Gewebsverklebungen
gelöst. Sollte dies auf Grund des Aktivitätsbedürfnisses
des Kindes nicht möglich sein, kann auch ein normales Wannenbad als
Vorbereitung auf die passive Mobilisation angewendet werden. Wichtig ist,
dass das Kind dabei entspannt und der Körper erwärmt wird. Die
anschließend ausgeführten manuellen passiven Bewegungen dienen
der Kontrakturbehandlung, der verbesserten Gelenkbeweglichkeit und dem Einüben
von Bewegungsabläufen.
Um die geistige Aktivität des Kindes anzuregen, eignen sich als zusätzliche
Therapieformen das Snoezelen und die Hippotherapie.
Das individuelle Therapiekonzept muss an das jeweilige Erscheinungsbild
und den Entwicklungsstand des Kindes angepasst und in regelmäßige
Abständen überarbeitet werden. Hierbei sollte der Arzt eng mit
den Therapeuten zusammenarbeiten. Nur so kann schnell auf akute Veränderungen
reagiert werden.
Der Umfang der Therapie hängt von den individuellen Möglichkeiten
des Kindes und der Angehörigen ab. Wünschenswert wäre es,
wenn die Betreuung in der Schule für körperliche und geistige
Behinderungen auch täglich eine physiotherapeutische Behandlung gewährleisten
könnte.
Orthopädische Hilfsmittel, wie z.B. Orthesen, Schienen oder orthopädischen
Schuhe dienen der Unterstützung der Lagerung, Stabilität und möglichst
physiologischen Bewegungsabläufen. Bei starken Fußdeformitäten
ist es auf jeden Fall ratsam, individuell angepasste Schuhe, Innenschuhe,
Einlagen oder Fußorthesen zu verwenden.
Die orthopädische Versorgung mit Orthesen, Einlagen, Schuhen etc. ist
diffizil, sehr individuell und oft mit vielen Nachbesserungen verbunden.
Sowohl die Eltern als auch die Therapeuten sollten gut beobachten, ob das
Hilfsmittel die physiologischen Bewegungen des Kindes wirklich unterstützt
oder aber es in seinen Bewegungen einschränkt bzw. behindert wird.
PHASE 3
In der dritten Phase der Erkrankung (meist zu Beginn des zweiten Lebensjahrzehnts)
steht der Verlust der körperlichen Fähigkeiten und der Kommunikationsmöglichkeiten
im Vordergrund. Die Kinder werden ruhiger, verlernen nach und nach das Gehen
und benötigen einen Rollstuhl. Der Verlust der motorischen Steuerungsmechanismen
wirkt sich auf alle muskulären Aktivitäten aus, so auf das Schlucken
oder Abhusten. Neben den Gelenkkontrakturen kommt es häufig zu Infektionen
der Atemwege. Später bei fortgeschrittener Immobilität treten
auch Verdauungsprobleme in Form von Verstopfungen auf.
Physiotherapie
Je größer der Verlust an muskulärer Aktivität ist,
desto größer wird der Anteil an passiven Therapiemaßnahmen.
So lange es dem Therapeuten möglich ist, mit dem Patienten an Rumpfstabilität,
aktiver Haltearbeit, Abstützreaktionen, Standübungen usw. zu arbeiten,
sollte jedoch eine aktive Krankengymnastik ein- bis zweimal wöchentlich
durchgeführt werden.
Um die Folgen der Immobilität einzudämmen, gewinnt das passive
Bewegen aller Gelenke nach einer entsprechenden Vorwärme immer mehr
an Bedeutung. Folgen der Inaktivität sind: Verstärkung der Kontrakturen,
Verklebung von Gelenkstrukturen, Spannungszustände in der Muskulatur,
die z.B. durch einseitige Lagerungen und neurologische Probleme ausgelöst
und verstärkt werden, sowie eine Verminderung des Stoffwechsels in
Haut- Muskel- und Knorpelgewebe und Schmerzen bei falscher Lagerung bzw.
Lagerungswechseln.
In dieser Phase der Erkrankung ist die Unterwassermassage als kombinierte
Wärme- und Massageanwendung für den ganzen Körper eine optimale
Vorbereitung auf die passive Krankengymnastik. Mittels eines Therapieschwimmkragens
liegt der Patient entspannt im Wasser. Die Erfahrung zeigt, dass diese Anwendung
als "Wohltat" empfunden wird und zudem die intensivste Mobilisation
im Anschluss ermöglicht.
Die Therapie im Bewegungsbad sollte so lange aufrechterhalten werden wie
der Patient in der Lage ist, seine Körpertemperatur über ca. 20
Minuten im Becken zu halten. Kühlt das Kind zu schnell aus, ist die
Gefahr eines Infektes sehr hoch.
Die Anpassung an die Verhältnisse im Wasser löst sowohl geistig
als auch körperlich einen Reiz aus. Durch das geringe Körpergewicht
sind selbständige, wenn auch relativ schwache Bewegungen möglich.
Auch lassen sich verschiedene Reaktion provozieren, z.B. das Abstoßen
mit den Füßen, die Kopfkontrolle, die vor dem unangenehmen Eintauchen
schützt, das Paddeln mit den Händen und Füßen und das
Aufrichten des Oberkörpers in Bauchlage.
Um der Infektanfälligkeit der Atemwege entgegenzuwirken und eine bessere
Belüftung der Lunge zu erreichen, können, neben Inhalationen (ggf.
mit medikamentösen Zusätzen), Thoraxbehandlungen zur Sekretmobilisation
durchgeführt werden. Meist kommt diese Therapie bei akuten Infekten
zur Anwendung. Sie ist eine effektive Maßnahme, um Infekte der Atemwege
zu bekämpfen und die Gefahr einer Lungenentzündung einzudämmen.
Aber auch präventiv, insbesondere mit Anleitung der Eltern zur selbstständigen
Durchführung, hat sie ihren Stellenwert in der Prophylaxe rezidivierender
Infekte der Bronchien und Lunge.
Mittels Massage- und Dehntechniken, Vibrationen und Schüttelungen kommt
es zur Sekretlösung und Transport. Das Husten des Patienten wird dadurch
provoziert. Sollte der Patient nicht in der Lage sein abzuhusten, wird ein
Absauggerät verwendet. Im akuten Infektstadium wird die Thoraxmassage
täglich durchgeführt. Als Hilfsmittel für zu Hause kann man
zur Schleimlösung auch Vibrationsgeräte verwenden. Es ist ebenfalls
möglich, als Elternteil einfache Techniken zur Sekretmobilisation mit
Hilfe des Therapeuten zu erlernen.
Die Verdauungsprobleme, z.B. Verstopfungen, die im späten Stadium der Erkrankung durch die Inaktivität des Patienten gehäuft auftreten können, werden neben der entsprechenden Ernährung mit Kolonmassagen behandelt. Die Kolonmassage aktiviert mit gezielten Griffen die Dickdarmtätigkeit und regt somit den Stuhlgang an.
Zur operativen Therapie gibt es bei Patienten mit Mukopolysaccharidose Typ III nur wenig Erfahrung. Weichteileingriffe wie Sehnendurchtrennungen oder Verlängerungen bei Kontrakturen sind denkbar, jedoch bisher nicht durchgeführt worden. Knöcherne Operationen bei Fehlstellungen, Gelenksdysplasie oder Wirbelsäulenverkrümmungen sollten nur bei sehr spezieller Indikation in Schwerpunktzentren durchgeführt werden Sie müssen als Individualkonzept gesehen und zusammen mit Patient und Angehörigen entschieden werden.
Physiotherapie ist ein wesentlicher Bestandteil des multimodalen Therapiekonzeptes,
welches individuell für jeden MPS-Patienten entworfen werden sollte.
Besonders wichtig ist die Physiotherapie nicht nur als wöchentlich
zu absolvierendes Programm, sondern auch, wenn möglich, als Anregung
und Anleitung zum selbstständigen Üben bzw. Üben mit Hilfe
der Angehörigen anzusehen. Zudem stellt sie eine regelmäßige
Kontrollinstanz der Balance des Bewegungsapparates und der Richtigkeit der
eigenständig durchgeführten Übungen dar.
Auch vor und nach Operationen ist die Physiotherapie unverzichtbar und wesentlich
für deren Erfolg mitverantwortlich.