Die Mukopolysaccharidose Typ II ist eine x-chromosomal vererbte Erkrankung,
die nahezu ausschließlich männliche Nachkommen betrifft.
Jungen, die am Hunter-Syndrom erkranken, können sehr unterschiedliche
Verlaufsformen aufweisen. Schwer erkrankte Kinder mit MPS Typ II A lernen
oft nur ein paar Worte sprechen, beim leichteren Krankheitsverlauf, dem
Typ II B, machen die Jungen eine fast normale kognitive Entwicklung durch.
Ebenso unterschiedlich treten auch die körperlichen Beeinträchtigungen
auf. Vom Typ A Betroffene lernen nur schwer laufen und/oder stehen. Leichtere
Verlaufsbilder des Typ B fallen meist durch ein abnormes Gangbild und typische
Gesichtszüge auf. Sie sind psychomotorisch nahezu normal entwickelt.
Entsprechend unterschiedlich gestalten sich auch die Therapien für
die Patienten.
MPS II Typ B-Patienten können Berufe ausüben, die ihren körperlichen und geistigen Fähigkeiten entsprechen. Körperlichen Einschränkungen werden vor allem durch den Kleinwuchs und die Hüftgelenke verursacht. Zum Teil sind Betroffene im Erwachsenenalter auf einen Rollstuhl angewiesen.
Bei der Physiotherapie ist zu beachten, dass die MPS II Patienten von Seiten des Herz-Lungen-Systems stark eingeschränkt sein können.
ATMUNGSORGANE
Durch die Verdickung der Schleimhäute kommt es zur Einengung der Atemwege.
Zudem ist der Brustkorb in seiner Beweglichkeit und Elastizität eingeschränkt.
Die Rippen stehen nahezu horizontal und die Verbindung der Rippen mit dem
Brustbein ist im Vergleich zu gesunden Menschen weniger elastisch. Daher
ist sowohl die Ein- als auch die Ausatmung eingeschränkt. Die Atemkapazität
und damit die Ausdauerfähigkeit ist geringer als bei gesunden Menschen.
Die Vergrößerung der Bauchorgane (Leber, Milz) führt zu
einem Zwerchfellhochstand, der zur Verklebungen der basalen Lungenabschnitte
sowie einer eingeschränkten Zwerchfellfunktion führt. Die Atemreserven
werden hierdurch weiter eingeschränkt.
Physiotherapie
Die Inhalation ist ein erstes und einfaches Mittel, um die Schleimhäute
des Nasen- und Rachenraumes zu weiten und bei einer vermehrten Schleimbildung
diesen zu lösen.
Um eine bestmögliche Lungenfunktion zu erhalten bzw. zu verbessern,
sollten regelmäßig atemgymnastische Übungen durchgeführt
werden. Bei Hunter-Patienten kommt es vor allem auf die Dehnbarkeit des
Brustkorbs und erst in zweiter Linie auf die Kräftigung der Atemmuskulatur
an. Aktive Dehnungsübungen können bei leichteren Krankheitsbildern
vom Patienten selbst oder nach Anleitung mit Hilfe der Eltern durchgeführt
werden. Passive Techniken gewinnen bei schweren Krankheitsverläufen,
bei zunehmender Immobilität oder bei akuten Atemwegsinfekten an Bedeutung.
Hierzu zählen Ausstreichungen, Dehnungen, Schüttelungen, Knetungen
und Vibrationen, wodurch Sekret mobilisiert wird.
Bei Kindern mit milderer Verlaufsform und guter Atemreserve können zur Vertiefung der Atmung und zur Dehnung von Brustkorb und Schultergürtel aktive Bewegungsspiele durchgeführt werden. Vor allem Ballspiele, Klettern, Schaukeln oder das Planschen im Wasser machen Freude und optimieren gleichzeitig die Atmung und Ausdauerfähigkeit.
WIRBELSÄULE
Die Wirbelsäule verbindet als Achsskelett die oberen mit den unteren
Extremitäten und trägt zudem ein Großteil des Körpergewichtes.
Sie ist ein diffiziles Gebilde aus feingliedrigen Knochen, zahlreichen Bändern
und Kapseln, die von großen Muskelgruppen an Bauch und Rücken
verspannt werden. Durch die vielgestaltige Verformung der Wirbelkörper
sowie Verdickung der Bänder und Kapseln kommt es zu Verkrümmungen
(Skoliose), Buckelbildung (Kyphose), Hohlrücken (Hyperlordose) und
evtl. einer Einengung des Rückenmarkskanals. Dieses kann nicht nur
Schmerzen und frühzeitige Verschleißerscheinungen, sondern auch
neurologische Symptome wie Sensibilitätsstörungen und Lähmungen
verursachen.
Physiotherapie
Eine intensive Bewegungstherapie zur Verbesserung der Beweglichkeit der
Wirbelsäule, einschließlich Schulter- und Beckengürtel und
zur Kräftigung der Bauch- und Rückenmuskulatur ist erforderlich.
Um der Hyperlordose der Lendenwirbelsäule entgegen zu wirken, müssen
beide Muskelgruppen gekräftigt und ihr Zusammenspiel harmonisiert werden.
Dabei ist zu beachten, dass insbesondere die Lendenwirbelsäule eine
Funktionseinheit mit den Hüftgelenken darstellt und oft beide behandelt
werden müssen.
Die Therapie kann vielseitig gestaltet werden, muss aber dem jeweiligen
Gesundheitszustand und Leistungsvermögen angepasst sein. Weder eine
Unterforderung noch eine Überbelastung ist sinnvoll. Treten Schmerzen
auf, sind diese sofort abzuklären und die Therapie entsprechend anzupassen.
Bei inaktiven Patienten mit hohem Schmerzpotential gewinnt die Bewegungstherapie im Wasser immer mehr an Bedeutung. Auch Entspannungsmaßnahmen wie Fango/Massage oder Unterwassermassage bringen Erleichterung.
Insbesondere bei Auftreten neurologischer Symptome können operative Eingriffe zur Entlastung und Stabilisierung der Wirbelsäule notwendig werden. Besonders im Wachstum ist die Versorgung mit einem Korsett möglich.
SCHULTERGÜRTEL / ARME / HÄNDE
Das Schultergelenk ist ein hauptsächlich Weichteil- und weniger knöchern
geführtes Gelenk. Bei MPS II Patienten verkürzen und verdicken
die Sehnen und Bänder. Die Arme können daher nicht oder nur schwer
über den Kopf gehoben werden. Ebenso betroffen von den Kontrakturen
sind die Ellenbogengelenke. Diese Verkürzungen und Versteifungen in
den Gelenkstrukturen verursachen meist keine Schmerzen, müssen aber
bei der Therapie beachtet und mitbehandelt werden, um weitere Bewegungseinschränkungen
zu verhindern.
Die Hände der MPS II-Patienten haben eine charakteristische Form mit
einer Verbreiterung des Handgelenkes und der Handfläche. Die Finger
sind besonders im Endgelenk gebeugt und können manchmal auch unter
größter Anstrengung nicht gestreckt werden. Um das Einsteifen
der Finger einzuschränken, ist sehr viel Fingergymnastik notwendig.
Auf Grund der umfangreichen Physiotherapie für den gesamten Bewegungsapparat,
bleibt für die "Hände" oft zu wenig Zeit, so dass nach
Möglichkeit hier die Eltern den Therapeuten unterstützen sollten.
Fingergymnastik lässt sich in den Alltag gut integrieren und kann am
Tisch durchgeführt werden. Fingerübungen und -spiele tolerieren
die Patienten sehr gut, bei passiven Streck- und Beugeübungen treten
häufiger Beschwerden auf. Daher ist es sinnvoll, vor der Gymnastik
eine Wärmeanwendung durchzuführen, was nicht nur die Beschwerden
lindert sondern die Behandlung auch intensiviert. Wärmeanwendungen
können Handbäder, Dinkel- oder Moorkissen und andere im Handel
erhältliche Packungen sein.
Klagt der Patient häufig über Schmerzen, Missempfindungen, Schwäche
und Taubheitsgefühle in den Händen, kann hierfür auch ein
Karpaltunnelsyndrom (siehe Glossar) die Ursache sein. Dies sollte unbedingt
durch eine neurologische Untersuchung bei einem Orthopäden abgeklärt
werden.
HÜFTE / KNIE / FÜSSE
Zu den körperlichen Veränderungen, die das Bewegungsausmaß
der MPS Typ II B - Patienten im Erwachsenenalter besonders einschränken
können, gehören die Fehlentwicklungen und frühzeitigen Verschleißerscheinungen
im Bereich der Hüftgelenke. Die Hüfte ist anatomisch ein Kugelgelenk.
Der Hüftkopf steht nicht in seiner physiologischen Stellung zur Hüftpfanne.
Es kommt zu Fehlbelastungen und Abflachung beider Gelenkpartner. Die Funktion
der Hüfte ist eingeschränkt. Hierdurch verändert sich die
Beinstellung, eine Fehlbelastung der Knie und Füße ist die Folge.
Dies ist einer der Hauptgründe für das typische schleppende,
breitbeinige und unharmonische Gangbild der Hunter-Patienten. Im Kindesalter
machen die Hüftgelenke nur selten Beschwerden, auch wenn radiologisch
häufig schon Veränderungen zu sehen sind. Bei Patienten im Erwachsenenalter
treten häufiger Schmerzen durch den frühzeitigen Verschleiß
sowie Reizzustände durch die Fehlbelastung auf.
Die Knie verändern sich teilweise durch Einlagerungen von Speichersubstanzen
in Knochen und Bänder sowie durch die Fehlstellung der Hüften.
Es treten Scherkräfte auf, die eine unterschiedliche Abnutzung des
Scharniergelenks bewirken. Daher finden auch hier mit zunehmendem Alter
schmerzhafte Verschleißprozesse statt.
Physiotherapie
Zur Erhaltung und Verbesserung der Gelenkbeweglichkeit werden aktive und
passive Mobilisationstechniken durchgeführt. Der Anteil der aktiven
bzw. der passiven Techniken richtet sich nach dem körperlichen und
geistigen Zustand, nach der Belastbarkeit und den jeweiligen Beschwerden
des Patienten. Sanfte Dehntechniken und gelenkschonende Muskelarbeit erhalten
die Beweglichkeit und Muskelkraft des Becken- und Oberschenkelbereiches.
Durch eine Gangschule sollte das bestmögliche Gangbild und eine optimale
Haltung erarbeitet werden.
Achtung: Stauchende Sprünge sollten vermieden
werden.
Kleine Sprünge beim Laufen im Gelände und von einem Bein auf das
andere sind erlaubt. Sprünge, die nur auf beiden Beinen gelandet werden
können, sind ohne Hilfe nicht erlaubt, da größere Weiten
und Höhen nur durch Landung auf beiden Beinen überwunden werden
können, was staucht. Dies sollte von Eltern unbedingt der Schule, z.B.
wegen des Sportunterrichts, mitgeteilt werden.
Hat der Patient durch die Fehlbelastung bereits Schmerzen, sollten Therapien zur Schmerzlinderung durchgeführt werden. Diese können sein: Elektrotherapie, Manuelle Therapie, Unterwassermassagen, Therapie im Schlingentisch oder Fangopackungen. Auch die Therapie im Bewegungsbad kann die Schmerzen lindern und die Beweglichkeit erhöhen.
Je nach Ausmaß der Destruktion der Gelenke und Alter des Patienten können operative Maßnahmen notwendig werden. Diese erstrecken sich von Weichteileingriffen, wie Sehnenverlängerungen, über knöcherne Korrekturen an Becken und Oberschenkel zur Verbesserung der Stellung von Hüftkopf- und -pfanne zueinander bis zur Implantation einer Hüft-Total-Endoprothese nach Wachstumsabschluss. Solche Eingriffe gehören unbedingt in ein Zentrum, welches Erfahrung mit Operationen bei MPS aufweisen kann.
Die Füße zeigen ähnliche Veränderungen wie die Hände.
Sie weisen eine große Variationsbreite an Fehlstellungen und knöchernen
Deformitäten auf. Man findet Spitz-, Hohl-, Platt-, Knick- und Klumpfüße.
Die Fußwurzel erscheint verbreitert. Die Zehen sind steif und im Endgelenk
gebeugt. Um die Beweglichkeit zu fördern, kann eine Fußgymnastik
durchgeführt werden. Viele dieser Übungen lassen sich zu Hause
durchführen und in den Alltag (teilweise spielerisch) integrieren.
Die Veränderungen der Füße machen insbesondere in Bezug
auf die Laufleistung häufig Probleme und sollten daher schon im Kindesalter
ernst genommen werden.
Zur Entlastung der Füße gehört unbedingt gut angepasstes
Schuhwerk, ggf. auch orthopädische Schuhe, Einlagen und Orthesen, die
frühzeitig genutzt werden sollten, um Druckstellen und Reizzustände
zu vermeiden. Sollten Beschwerden nach langen Belastungsphasen auftreten,
tragen Fußbäder und Fußmassagen zur Linderung bei.
Beschwerden werden oft auch durch Pilzbefall der Füße und/oder
Zehnägel verstärkt. Regelmäßige Fußpflege, einschließlich
Fußbäder über 15 Minuten und gegebenenfalls eine Salbenbehandlung
verschaffen Linderung. Bei der Wahl der Medikamente hilft der Arzt oder
Apotheker.
Ein häufiges Problem bei den MPS Typ II- Patienten ist die Verkürzung vieler Muskeln der unteren Extremität. Sowohl beim Stehen wie beim Gehen sind die Hüften und Knie gebeugt. Durch die verkürzte Achillessehne ist ein optimales Abrollen des Fußes nicht möglich. Um die Haltung und das Gangbild zu verbessern, ist es notwendig, die Muskulatur mittels verschiedener Dehntechniken zu verlängern und zu entspannen. Ein Dehnungsprogramm für zu Hause, das vom Patienten selbst durchgeführt werden kann oder Zugvorrichtungen, die die Eltern lernen anzulegen, sind sehr sinnvoll und verschaffen den Gelenken langfristige Entlastung.
Mit zunehmendem Alter verstärken sich auch die Beschwerden des Patienten. Dann nehmen passive Techniken und Schmerzbehandlungen immer mehr Raum in der Therapie ein. Neben der Mobilisation zählen dazu: Entspannungsmaßnahmen wie Bäder und Massagen, Unterwassermassagen, Schlingentischtherapie, Manuelle Therapie und Elektrotherapie.
Schwerbetroffene Patienten des Typs II A zeigen durch den rascheren Krankheitsverlauf
und die frühe Immobilität schon in jungen Jahren die aufgeführten
Veränderungen und Beschwerden. Zudem ist eine aktive Behandlung auf
Grund der eingeschränkten geistigen Entwicklung oft schwierig. Arzt
und Therapeut sollten intensiv zusammenarbeiten und die optimale Therapie
zusammenstellen.