Obwohl Morbus Hurler und Morbus Scheie den gleichen Gendefekt aufweisen,
unterscheiden sie sich erheblich im Krankheitsverlauf und daher auch in
der physiotherapeutischen Behandlung.
Viele Patienten mit MPS I sind jedoch ein Hurler-Scheie-Phänotyp und
bewegen sich in einer Zwischenstufe, so dass die physiotherapeutischen Maßnahmen
entsprechend dem Ausmaß und Erscheinungsbild der Erkrankung individuell
angepasst werden müssen.
Bei der Physiotherapie ist zu beachten, dass die MPS I Patienten von Seiten des Herz-Lungen-Systems stark eingeschränkt sein können.
Morbus
Hurler
Kinder mit dem klassischen Verlauf einer Hurler-Erkrankung zeigen schon
früh multiplexe Veränderungen im Skelettsystem und sind kleinwüchsig.
Auch die Atemorgane sind von den Gewebsveränderungen frühzeitig
betroffen, so dass es häufig zu Infekten kommt. Die meisten Kinder
lernen laufen. Einige lernen sehr gut sprechen, andere können nur einzelne
Worte sagen. Bereits in der ersten Lebensdekade retardiert die Entwicklung,
so dass vieles Erlernte auch wieder verloren gehen kann.
Physiotherapie
Die aktive Phase der Hurler-Kinder ist zeitlich begrenzt und bezieht sich
auf die ersten Lebensjahre. In dieser Zeit sollten die Kinder soviel wie
möglich geistig wie motorisch erlernen. In Form einer Sporttherapie
oder auch einer Ergotherapie können Bewegungsabläufe intensiver
geschult und manifestiert werden, so dass die koordinativen Fähigkeiten
des Kindes länger erhalten bleiben. Treten die ersten Rückschritte
von bereits erlernten Bewegungsabläufen auf, sollten aktive Therapieelemente
aus dem Bobath-Konzept mit einfließen.
Um das Kind vielseitig zu fördern und das Skelettsystem zu entlasten,
eignen sich als zusätzliche aktive Bewegungstherapie Übungsbehandlungen
im Bewegungsbad. Im fortgeschrittenen Krankheitsstadium sind aktive Bewegungen
oft nur noch im Wasser möglich. Durch die Verhältnisse im Wasser
reduziert sich das Körpergewicht auf 10%, so dass die Bewegungen leichter
fallen und flüssiger sind. Auch unterscheiden sich die koordinativen
Anforderungen im Wasser von denen "an Land", so dass diese Therapie
eine besondere Form der Förderung darstellt. Als ein Problem bei der
Wassertherapie hat sich die starke Infektneigung vieler Kinder gezeigt.
Auf Grund des Zustandes des Immunsystems und der Atemorgane sollte die Therapie
grundsätzlich in einem Becken mit einer Wassertemperatur von +32°C
stattfinden.
Eine Ergänzung des Therapieprogramms ist die Hippotherapie. Der Kontakt
mit den Pferden stellt einen ungewöhnlichen Reiz für Geist und
Körper der Kinder dar und entlockt ihnen ungeahnte Reaktionen und Aktivitäten.
ATMUNGSORGANE
Das gesamte Atmungssystem ist bei Hurler-Patienten in seiner Funktion beeinträchtigt.
Durch Verdickungen der Schleimhäute im Nasen- und Rachenraum und auch
in der Lunge kommt es ständig zu Schleimansammlungen. Zusätzlich
ist die Flexibilität des Brustkorbs durch die veränderten Wirbelkörper
und Rippenstellungen eingeschränkt. Die schlechte Belüftung der
Lunge führt nicht nur zu einer verminderten Leistungsfähigkeit,
sondern auch zu häufigen Infektionen der Atemwege.
Physiotherapie
Schon frühzeitig sollte während der Therapie auf eine tiefe Ein-
und Ausatmung geachtet werden. Auch Spiele, die im besonderen Maße
die Atmung intensivieren, sollten frühzeitig zum Programm gehören.
Ebenfalls sinnvoll ist es, regelmäßig zu inhalieren, wenn das
Kind es toleriert. Zur effektiven Schleimlösung und zum Sekrettransport
dienen Thoraxbehandlungen, die besonders in der Phase zunehmender Immobilität
oder bei akuten Infekten hilfreich sind. Hierbei kommen verschiedene Techniken,
wie Ausstreichungen, Knetungen, Schüttelungen, Dehnungen und Vibrationen
zum Einsatz. Eine Mobilisation des Sekrets ist dadurch jederzeit möglich.
Im fortgeschrittenen Krankheitsstadium wird jedoch meistens ein Absauggerät
zum Entfernen des Schleims benötigt. Die Techniken der Thoraxbehandlung
können von Eltern und Angehörigen mit Hilfe des Therapeuten erlernt
werden. Sie erfordern zwar etwas Übung, sind aber für die kontinuierliche
und therapeutenunabhängige Sekretmobilisation sehr wichtig.
WIRBELSÄULE / GELENKE
Die Wirbelkörper bei Hurler-Patienten sind in typischer Weise verformt.
Im Brust- und Lendenwirbelbereich tritt häufig ein Gibbus auf. Eine
Behandlung mittels Korsett ist wegen der eingeschränkten Lungenfunktion
schwierig, kann in Einzelfällen aber zum Aufhalten der Wirbelsäulendeformität
versucht werden. Bei fast allen MPS Typ I-Patienten liegen Hüftgelenksluxationen
vor. Meist kommt es zu einer X-Bein-Stellung. Durch eine Verkürzung
der Beinmuskulatur erreichen die Knie- und Hüftgelenke keine vollständige
Streckung und sind ständig gebeugt. Demzufolge zeigt sich eine charakteristische
Haltung und ein verändertes Gangbild, der Spitzfußgang. Schultern
und Ellenbogengelenke sind ebenfalls durch Kontrakturen in ihrer Beweglichkeit
eingeschränkt. Die Arme können nicht über den Kopf gehoben
werden. Auch die Hände und Füße sind durch Verkürzungen
und Verdickungen von Sehnen und Bändern in ihrer Funktion beeinträchtigt.
Sie wirken plump, Finger und Zehen sind gekrümmt und erreichen auch
bei passiver Streckung nicht das volle Ausmaß. Ähnlich wie bei
Kindern, die an anderen MPS- oder Mukolipidose-Typen erkrankt sind, tritt
auch hier häufiger das Karpaltunnelsyndrom (siehe Anhang "Medizinische
Erklärungen") auf. Die Diagnose sollte durch einen Orthopäden
abgeklärt werden.
Physiotherapie
Ziel der Therapie beim klassischen Krankheitsverlauf ist es, den größtmöglichen
Entwicklungsstand zu erreichen bzw. zu erhalten und auftretende Schmerzen
im Bewegungsapparat zu beseitigen. Daher wird ganzheitlich therapiert. In
der aktiven Zeit des Kindes überwiegen, wie oben aufgeführt, die
aktiven Therapieformen. Um die Kontrakturen in den Gelenken einzuschränken,
sollte zusätzlich eine passive Krankengymnastik nach einer vorangegangenen
Wärmeanwendung, mindestens einmal wöchentlich, durchgeführt
werden. Als Wärmeanwendung eignen sich Unterwassermassagen (UWM) oder
Vollbäder, auch Packungen sind möglich. Zur entspannten Lagerung
bei UWM und Vollbädern wird ein Therapieschwimmkragen verwendet. Da
Unterwassermassagen zusätzlich die Gelenkstrukturen aufweichen und
als Schmerztherapie verwendet werden können, sind sie die ideale Vorwärme.
Die anschließende passive Krankengymnastik umfasst alle Gelenke und
Verkürzungen des Bewegungsapparates.
Bei zunehmender Immobilität werden die aktiven Therapieformen immer
mehr durch passive Behandlungen ersetzt. Als eine bis zuletzt mögliche
aktive Übungsform für die Kinder hat sich die Therapie im Bewegungsbad
bewährt. Auch bei Inaktivität ist das Weiterführen der Therapie
zur Stoffwechselanregung und zur Behandlung von Kontraktions- und Gelenkschmerzen
sinnvoll.
VERDAUUNGSPROBLEME
Während viele Kinder in ihrer aktiven Phase unter Durchfällen
leiden, kommt es mit zunehmender Inaktivität zu Verstopfungen. Diese
können, neben der entsprechenden Ernährung und Medikamentenzugabe,
mit Kolonmassagen behandelt werden. Die Kolonmassage aktiviert mit gezielten
Griffen die Dickdarmtätigkeit und regt somit den Stuhlgang an. Diese
Technik nimmt nicht viel Zeit in Anspruch und lässt sich unter Anleitung
des Therapeuten von den Eltern erlernen.
Morbus
Scheie
Patienten mit M. Scheie erreichen im Gegensatz zum M. Hurler eine fast
normale Körpergröße und entwickeln sich bezüglich ihrer
kognitiven Fähigkeiten und ihrem Intellekt normal. Die Patienten können
Berufe ausüben, die ihren körperlichen und geistigen Fähigkeiten
entsprechen.
Im höheren Alter nehmen die Myokardverdickungen, die Stenosen und Insuffizienzen
der Herzklappen zu, so dass die körperliche Leistungsfähigkeit
beeinträchtigt wird.
Die Veränderungen im Bewegungsapparat entsprechen denen der Hurler-Erkrankung,
treten jedoch langsamer auf. Sie entwickeln sich zunehmend, so dass sie
ebenfalls zu einer starken Einschränkung der Mobilität der Patienten
führen. Auf Grund der veränderten Gelenkstellungen und der Fehlbelastungen
kommt es früher als bei gesunden Menschen zu degenerativen Veränderungen,
Abnutzungen und Arthrosen.
Physiotherapie
Sobald eine Scheie-Erkrankung diagnostiziert ist, sollte mit physiotherapeutischen
Maßnahmen begonnen werden. Meist ist der Patient durch Veränderungen
des Bewegungsapparat auffällig geworden.
Die Therapie richtet sich zum einen nach den Bewegungseinschränkungen
betroffener Gelenke und Muskeln, aber auch nach den Kräfteverhältnissen
der Muskulatur.
WIRBELSÄULE / RUMPF
Die Wirbelsäule zeigt Instabilitäten mit Wirbelgleiten im Bereich
der Lendenwirbelsäule und Einengungen in der Halswirbelsäule.
Sie neigt durch veränderte Wirbelkörper zu schnellerer Abnutzung
als bei gesunden Menschen. Das Kräfteverhältnis zwischen Bauch-
und Rückenmuskulatur ist verschoben, der Bauch wölbt sich nach
vorn. Dadurch wird die Lendenlordose (Hohlkreuz) oft verstärkt. Eine
aktive Bewegungs- und Trainingstherapie erhöht die Flexibilität
des Rumpfes, einschließlich Becken- und Schultergürtel, und kräftigt
und harmonisiert die Muskelgruppen. Die Therapieformen können und sollten
vielschichtig sein, um ein optimales Bewegungs- und Kräftemaß
zu erreichen und um vielseitige koordinative Fähigkeiten zu entwickeln.
Zudem erhöht eine abwechslungsreiche Therapie die Motivation und Leistungsbereitschaft.
SCHULTERGÜRTEL / ARME / HÄNDE
Bewegungseinschränkungen in den Schulter- und Ellenbogengelenken treten
auch bei M. Scheie auf. Diese verursachen meist keine Schmerzen, müssen
aber bei der Therapie beachtet und mitbehandelt werden. Versteifungen im
Schultergürtel verändern Haltung und Gangbild, verstärken
Fehlbelastungen und forcieren Abnutzungserscheinungen.
Sollten die Hände bzw. Finger ebenfalls von Versteifungen betroffen
sein, ist sehr viel Fingergymnastik notwendig. Hier sind die Eltern oder
der Patient selbst gefragt. Zusammen mit dem Therapeuten sollte ein Übungsprogramm
für zu Hause erarbeitet werden. Fingerübungen und –spiele
werden in der Regel gut toleriert, auch wenn bei passiven Streck- und Beugeübungen
häufiger Beschwerden auftreten. Es ist sinnvoll, vor der Gymnastik
eine Wärmeanwendung durchzuführen, was die Beschwerden lindert
und die Behandlung intensiviert. Wärmeanwendungen können Handbäder,
Dinkel- oder Moorkissen und andere im Handel erhältliche Packungen
sein. Bei akuten Schmerzzuständen wird nicht therapiert. Sie sind mit
dem Arzt und ggf. dem Therapeuten abzuklären. Wie bei der Hurler-Erkrankung
tritt auch bei Scheie-Patienten häufig das Karpaltunnelsyndrom auf.
HÜFTE / KNIE / FÜSSE
Zu den körperlichen Veränderungen, die das Bewegungsausmaß
der Scheie-Betroffenen mit zunehmendem Alter erheblich einschränken
können, gehören die Fehlstellungen der Hüften. Das bedingt
eine veränderte Beinstellung und beschleunigt die natürliche Abnutzung
der Gelenkflächen in den Hüften und Knien. Im Kindesalter macht
dies nur selten Beschwerden. Im Erwachsenenalter treten immer häufiger
schmerzhafte entzündliche und verschleißende Prozesse auf, welche
die Mobilität sehr einschränken können.
Bei fortgeschrittenem Verschleiß der Hüftgelenke ist eine Versorgung
mit einer Endoprothese, die insbesondere die Schmerzen gut behandelt, indiziert.
Zu beachten ist, dass vor jeder Operation der Hüften genau geklärt
werden muss, ob die Beschwerden von der Lendenwirbelsäule oder der
Hüfte ausgehen, da beide eine Funktionseinheit bilden. Bewegungseinschränkungen,
die nicht auf den Verschleiß und die Verformung des Hüftgelenkes,
sondern auf die Weichteile zurückgeführt werden können, werden
sich durch eine operative Versorgung nicht bessern.
Die Füße zeigen ähnliche Veränderungen wie die Hände.
Auch die Zehen können sich krümmen und versteifen. Ähnlich
wie bei den Händen sollte ein Übungsprogramm gemeinsam mit dem
Therapeuten erarbeitet werden, so dass Fußgymnastik zu Hause durchgeführt
werden kann. Viele Übungen lassen sich auch in den Alltag integrieren.
Sollte sich die Mobilität der Füße verschlechtern oder zunehmend
Beschwerden auftreten, ist der Therapeut zu informieren, so dass er das
Therapieprogramm umstellen kann.
Zur Entlastung der Füße gehört unbedingt gut gewähltes
Schuhwerk, ggf. auch der Fußstellung angepasste orthopädische
Schuhe bzw. Orthesen.
Neben den Veränderungen in den Gelenken sind auch Verkürzungen
vieler Muskeln der unteren Extremität für die Bewegungseinschränkungen
verantwortlich. Hüft- und Kniegelenke verharren oft in gebeugter Stellung
und können nicht endgradig gestreckt werden. Auch das Abrollen des
Fußes ist durch die Verkürzung der hinteren Wadenmuskulatur nicht
optimal möglich. Es ist notwendig, die Muskulatur mittels verschiedener
Dehntechniken zu verlängern. Sollte der Patient dazu in der Lage sein,
ist auch ein Dehnungsprogramm für zu Hause sehr sinnvoll.
Folgende Inhalte sollte die aktive Krankengymnastik für den Rumpf, den Schultergürtel und die unteren Extremitäten aufweisen:
Bei älteren Patienten mit geringerer Leistungsfähigkeit und höherem Schmerzpotential sollten zusätzlich Entspannungsmaßnahmen, Schmerztherapien und passive Techniken zum Einsatz kommen bzw. andere Therapieformen ersetzen. Diese können sein: Wärmepackungen, Massagen, Bäder, Unterwassermassagen, Manuelle Therapie, Elektrotherapie und Therapie im Schlingentisch.
Physiotherapeutische
Maßnahmen bei MPS I-Patienten nach einer Knochenmarktransplantation
(KMT)
Zur Behandlung von MPS I kommt in bestimmten Fällen eine Knochenmarktransplantation
(KMT) in Betracht.
Patienten mit erfolgreicher KMT sind physiotherapeutisch nicht eindeutig
der einen oder anderen Gruppe zu zuordnen. Sie entsprechen eher dem Hurler-Scheie-Typ.
Einerseits entwickeln sie sich kognitiv und psychomotorisch, sowie von der
Leistungsfähigkeit der inneren Organe besser als Hurler-Patienten,
andererseits scheint insbesondere der Bewegungsapparat nicht entsprechend
auf die Transplantation anzusprechen. Hier finden sich häufig ähnlich
problematische Verhältnisse des Bewegungsapparates wie bei Hurler-Patienten.
Die physiotherapeutischen Maßnahmen entsprechen durch die kognitiven
Möglichkeiten eher denen bei Scheie-Patienten, wobei aufgrund der Gibbusbildung
im Brust- und Lendenwirbelbereich und der Gefahr einer Rückenmarksquetschung
der Kräftigung der Rumpfmuskulatur und dem Erarbeiten einer optimalen
Haltung Priorität gegeben werden sollte. Dieser Bereich muss zudem
unter ständiger ärztlicher Kontrolle sein. Gegebenenfalls kann
ein Korsett als orthopädisches Hilfsmittel zum Einsatz kommen. Dieses
ersetzt aber nicht die physiotherapeutischen Maßnahmen.