Neun MPS-Patienten und Familien sowie zehn Wissenschaftler und Ärzte
aus Deutschland haben am 10. Internationalen Symposium für Mukopolysaccharidosen
und andere Speicherkrankheiten teilgenommen. Die diesjährige Tagung mit
insgesamt 700 Gästen aus aller Welt fand in Vancouver (Kanada) statt.
In Vancouver diskutierten Wissenschaftler, Ärzte, Patienten sowie deren
Eltern auch aktuelle wissenschaftliche Ergebnisse. Für Überraschung
sorgte die Biotech-Firma Biomarin.
Internationaler MPS-Kongress
Biomarin kündigte in Vancouver an, nach den bereits eingeführten
Enzym-Präparaten für die MPS-Typen I und VI nun auch ein Enzym-Präparat
zur Behandlung der Mukopolysaccharidose Typ IV (M. Morquio) entwickelt zu
haben. Thomas Baum, Vorsitzender der deutschen Gesellschaft für Mukopolysaccharidosen,
spricht von einem „Highlight“. Für ihn bedeutet die Nachricht
der Biotech-Firma, dass das Präparat nach entsprechenden Wirksamkeitsstudien
schon in drei Jahren auf dem Markt sein könnte.
Auch für MPS-Typ IVA (M. MorquioA) sind in nächster Zeit weitere Studien geplant. In Tierversuchen konnte bereits nachgewiesen werden, dass ein neu entwickeltes Enzym-Präparat das Knochen- und Knorpelgewebe erreicht.
Großer Knackpunkt:
die Blut-Hirn-Schranke
Knackpunkt für die Wirksamkeit von Präparaten ist die sogenannte
Blut-Hirn-Schranke. Auf Grund dieser natürlichen Gegebenheit haben von
außen zugeführte Enzyme das Zentralnervensystem bislang nicht erreicht.
Da viele lysosomale Speicherkrankheiten aber auch das Gehirn betreffen und
Symptome wie Spastik oder den Verlust geistiger Fähigkeiten nach sich
ziehen, wird weltweit nach Möglichkeiten geforscht, diese Barriere zu
überwinden.
Die Firma Shire stellte in Vancouver beispielsweise eine Studie zur Behandlung der Mukopolysaccharidose Typ IIIA (M. Sanfilippo A) mittels eines Enzyms vor, das ins Gehirn injiziert werden kann. In der Turmorbehandlung ist die Verabreichung von Medikamenten in das Gehirn eine bereits etablierte und weitgehend gefahrlose Methode.
Eine amerikanische Arbeitsgruppe um P. Dickson (Torrance, Kalifornien) hat
Hunden, die an einer Mukopolysaccharidose Typ I leiden, nach der Geburt das
bei MPS I fehlende Enzym (Iduronidase) direkt in das Gehirn injiziert. Die
so behandelten Tiere entwickelten sich besser als die unbehandelten.
Ähnliche Ergebnisse wurden bei MPS IIIA-Mäusen und MPS IIIA-Hunden
erzielt, denen das fehlende Enzym (Sulfamidase) in das Gehirn injiziert wurde.
Bei den Tierversuchen stehen Ergebnisse zur Langzeitwirkung jedoch noch aus.
Auch Versuche mit
Gen-manipulierten Zellen
Das Enzym, das für die Behandlung der Mukopolysaccharidose Typ IIIB (M.
Sanfilippo B) nötig wäre, kann - bisher - noch nicht in großem
Maßstab hergestellt werden. Die Arbeitsgruppe von M. Heard (Paris) versucht
jetzt, zur Behandlung dieser lysosomalen Speicherkrankheit nicht das Enzym,
sondern das verantwortliche Gen in das Zentralnervensystem zu bringen. So
könnten möglicherweise die Gen-manipulierten Zellen das Enzym direkt
im Gehirn produzieren.
Substrate hemmen Bildung
schädlicher Substanzen
Einen anderen Versuch, die Symptome des Zentralnervensystems therapeutisch
anzugehen, stellt die sogenannte Substrat-Hemmung dar. Hier wird nicht das
fehlende Enzym zugeführt, sondern die Produktion der Speichersubstanzen
- also der Mukopolysaccharide bei MPS - teilweise gehemmt. Ein Beispiel für
dieses therapeutische Prinzip stellt das Medikament ZavescaR dar, das zur
Behandlung des M. Gaucher verwandt wird.
Als weiteres Mittel mit Hemm-Wirkung auf die MPS-Produktion wurde Genistein identifiziert. Die Substanz ist in hoher Konzentration in der Sojabohne zu finden. Dass Genistein die Mukopolysaccharid-Synthese tatsächlich zu hemmen vermag, wurde in Experimenten mit Hautzellen von Patienten mit MPS I, II, IIIA und IIIB nachgewiesen (Dr. Wegrzyn, Polen).
Sojabohnen-Extrakt
auf dem Prüfstand
Die polnische Arbeitsgruppe um Dr. Wegrzyn berichtete in Vancouver über
eine Studie zur Wirksamkeit von Genistein auf die MPS-Ausscheidung und die
geistigen Fähigkeiten von zehn Patienten mit einer Mukopolysaccharidose
Typ IIIA und Typ IIIB (M. Sanfilippo A und B). Die Patienten erhielten über
ein Jahr lang täglich 5 mg/kg eines Genistin-reichen Sojabohnen-Extraktes.
Kontrolliert wurde die regelmäßige Einnahme nicht.
Die Autoren berichten über eine deutliche Abnahe der MPS-Ausscheidung
im Urin. Zur Bewertung der geistigen Fähigkeiten bzw. der Verhaltensstörung
wurde ein standardisierter Fragebogen (Brief Assessment Examination) verwendet,
den die Eltern zu Hause ausgefüllt haben. Sie berichten über eine
Verbesserung der geistigen Fähigkeiten ihrer Kinder.
Die Ergebnisse der MPS-Ausscheidung sind laut Prof. Dr. Prof. Dr. Michael
Beck vom Zentrum für lysosomale Speicherkrankheiten („Villa Metabolica“)
in Mainz „überzeugend“. Die Ergebnisse der Verhaltens-Beobachtung
hingegen seien nicht zu verwerten, weil die Auswertung unverblindet von den
Eltern vorgenommen wurde. Zudem hätten die Patienten den Sojabohnen-Extrakt
mit nicht genau spezifizierter Wirkstoff-Menge erhalten. Eine Analyse der
Pharmakokinetik sei nicht erfolgt.
„Zusammenfassend erfüllt diese Untersuchung nicht die Anforderungen
an eine klinische Studie und kann daher auch keine Aussage über die klinische
Wirksamkeit von Genistein machen“, sagt Beck. Weil aber offenbar ein
biochemischer Effekt nachweisbar ist, sollten laut Beck exakte klinische Studien
mit definierten Dosen von Genistein in Erwägung gezogen werden.
Weitere Informationen über genannte Studien unter www.morquiobmrn.com.
Für Fragen steht auch Prof. Dr. M. Beck aus dem Zentrum für lysosomale
Speicherkrankheiten zur Verfügung (www.villa-metabolica.de).
(10.7.2008)